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Von Isabella Mader 

Netzwerke sind klar die neue, erfolgreiche Organisationsstruktur, sei es im Handel (Amazon, Ebay, …), im Gewerbe (Uber, Airbnb, …) oder eben auch, um Arbeit zu organisieren. Angestellte Tätigkeiten werden zunehmend durch Freelance ersetzt, und zwar nicht nur bei klassischen Auftragsarbeiten wie etwa Grafik-Design, sondern für alles: vom Sekretariat bis zu Projektmanagement. Das Konzept der Anstellung ist also ein Auslaufmodell. Gleichzeitig ist angestellte Arbeit aber auch wesentliche Basis eines langwierig verhandelten Sozialvertrages im engeren Sinne und begründet eine Art Symbiose gegenseitiger Abhängigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Durch die Fortentwicklung der Gesellschaft stellen wir fest, dass das so nicht mehr haltbar ist. Der bisherige Sozialvertrag löst sich also auf – und das Verhältnis der am Wirtschaftsleben Beteiligten ist neu zu definieren.

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Im Umbruch von der Industriegesellschaft zur Netzwerkgesellschaft ersetzen also leichtgewichtige Netz­werkstrukturen die schwer­fälligen, mit (selbstgemachten und gesetzlichen) Regelwerken überlasteten Silo-Strukturen der Industriegesellschaft. Netz­werke orchestrieren heute Assets statt sie zu besitzen. Arbeit im Angestelltenverhältnis wird zunehmend durch Freelance ersetzt, Ein-Personen-Unternehmen werden die neue Arbeitsform. In den USA waren 2015 bereits über 40 Prozent der Arbeitenden in so genannten „insecure contingent jobs“ („unsicheren“ Arbeitsverhältnissen: befristete Projektverträge oder Freelance [1]). Tendenz stark steigend. Krampf­haftes Festhalten an alten Strukturen durch Regel­verschärfung bringt uns zudem um die Möglichkeit, beizeiten jene neuen Rahmenbedingungen für die Zukunft der Arbeit zu gestalten, die schließlich unvermeidlich sein werden.

Die Zeitenwende kündigt sich aber nicht nur durch einen radikalen Wandel der Organisationsformen und die Disruption von Geschäftsmodellen an. Wie auch an der letzten Zeitenwende wiederholen sich heute Phänomene, die Beachtung verdienen:

  1. „Social Disconnect“,
    also eine Entfremdung und Vertrauensverlust zwischen Eliten und Bürgerinnen und Bürgern;
  2. Zunehmende Ungleichheit und
  3. Steigende Unsicherheit in der Lebensplanung.

Die Ursache für das Kippen des Gleichgewichtes und das Davonziehen der Eliten in Bezug auf Einkommen liegt dabei damals wie heute unter anderem darin, dass einerseits jene, die im Besitz der neuen Kulturtechnik sind oder diese beherrschen, rasch einen wirtschaftlichen Vorteil über jene erlangen, die nicht in dieser Lage sind. Andererseits „funktioniert“ der Sozialvertrag der vorangegangenen Epoche für die Strukturen und das soziale Gefüge der neuen Epoche nicht mehr.

Wir brauchen also einen neuen Sozialvertrag. Nachdem der letzte im Erstentwurf aus 1762 von Jean-Jacques Rousseau stammt und es seither wohl verhandelte evolutionäre Anpassungen im Rahmen der Weiterentwicklung der Industrie­gesellschaft gab, aber keine Neufassung eines solchen umfassenden Sozialvertrages im weiteren Sinne für die Netzwerkgesellschaft vorliegt, soll das vorliegende Paper eine erste Diskussionsgrundlage liefern.

Welche Rahmenbedingungen bedürfen nun einer dringenden Überarbeitung?

Teil 1: Von der repräsentativen zur partizipativen Demokratie

Ein zentraler Eckpunkt eines Sozialvertrages ist die Staatsform bzw. die Festlegung, von wem der Wille in einem nationalen Gefüge ausgeht. Mit der aktuellen Form der Entscheidungsfindung, der Demokratie, haben wir zuletzt allerdings durchaus eine Reihe von Schwierigkeiten:

Die Wertschätzung für Demokratie ist im freien Fall: Die World Values Surveys [2] zeigen, dass mit dem Lebensalter auch die Wertschätzung gegenüber Demokratie stark abnimmt: in den USA sinkt die Zustimmung von ca. 75% bei den Geburtsjahrgän­gen der 1930er auf nur mehr knapp über 30% bei 1980er Jahrgängen. Darüber hinaus kann Demokratie in ihrer heutigen Form von autoritären Machthabern als Legitimierungsinstrument missbraucht werden, während den Menschen wirkliche Teilhabe an der Entscheidungsfindung verwehrt bleibt. Die jüngst zu beobachtende Tendenz, dass autoritäre Führungspersönlichkeiten und Gruppierungen in einer ganzen Reihe westlicher Demokratien massiven Zulauf verzeichnen, ist eine nicht weniger beunruhigende Tendenz: Trump, Marine Le Pen, Nigel Farage und die Leave Campaign in Großbritannien oder die AfD in Deutschland, um nur einige zu nennen.

Demokratie Wertschätzung

Wie kann aber nun eine Weiterentwicklung der Demokratie aussehen? Der Sozialvertrag von 1762 legte ein besonderes Schwergewicht auf die Rechte und Pflichten des Einzelnen. Aus heutiger Sicht müsste eine Neufassung wohl zusätzlich Rechte, Pflichten und Verantwortung im Rahmen der Gemeinschaft mit umfassen. Kurz: Teilnahme am Ganzen. Der Vorschlag lautet daher, dass wir uns von einer repräsentativen zu einer partizipativen Demokratie weiter­entwickeln.

Wie kann so etwas organisiert werden? Partizipation kann letztlich keine ausschließliche Plebiszit-Inflation sein, zumal Volksabstimmungen allein zu missbrauchs­anfällig sind, wenn sie zum bloßen Legitimierungs­instrument verkommen und schlecht informierte Bürger populistisch manipuliert über etwas abstim­men, wozu ihnen Diskussion und Fakten vorenthalten werden. Reine online-Partizipationsmodelle ohne folgende Präsenzdiskussion richten den Menschen auch nur aus: „Wir wollen eigentlich nicht mit Euch reden.“ Beteiligung stellen wir uns auch bitte nicht so vor, dass sich 7.000 Menschen in der Stadthalle versammeln und durcheinanderreden.

Funktionierende Partizipation ist auf zwei Weisen sinnvoll möglich. Einerseits im Rahmen von zivilgesellschaftlichem Engagement, etwa im Katastrophenschutz oder in sozialem Engagement. Andererseits kann Partizipation durch Teilnahme an öffentlichen Projekten erfolgen, bei denen von Personen, die sich für ein Thema interessieren oder darin kompetent sind, gemeinsam mit dem Government Programme für die Gemeinschaft entwickelt werden. Ein Beispiel dafür wäre etwa die Digitale Agenda der Stadt Wien, bei der Bürgerinnen und Bürger die digitale Strategie der Stadt (mit-) entwickelten und auch an Folgeprojekten mitarbeiteten.

Diese Art der Ko-Kreation führt auch dazu, dass Programme, die gemeinsam entwickelt wurden, besser mitgetragen und legitimiert werden und dass insbesondere die Komplexität der heutigen Einflussfaktoren durch die Anzahl an Mitwirkenden deutlich besser überblickt werden kann.

Das neue Paradigma müsste also lauten, dass wir bereit sind, mehr Verantwortung für uns selbst und auch für die Gemeinschaft zu übernehmen. Es geht also in einer partizipativen Demokratie weniger darum, wichtig zu sein als mehr darum, einen Beitrag zu leisten.

Teil 2: Bekenntnis zum wirtschaftlichen Gleichgewicht

Das Sichern kleiner Einkommen, zunehmend im Freelance und EPU-Bereich wird vermutlich zur Überlebensstrategie der Netzwerkgesellschaft. Länder, in denen die mittleren und unteren Einkommensgruppen abrutschen, kämpfen heute damit, dass sich enttäuschte und desperate Menschen in Massen radikalen und populistischen Führerpersönlichkeiten und/oder rechtsradikalen Parteien zuwenden. Zwei Beispiele: Die Reallöhne in Großbritannien lagen 2015 um 7 Prozent unter jenen von 2007 (während sie in Kanada 5% über den Werten von 2007 lagen). Die Reallöhne der untersten 10 Prozent der Einkommen in den USA liegen heute unter jenen des Jahres 1979 (!) – die mittleren Einkommen sind real im Wesentlichen seit damals unverändert (!) – allein die obersten 10 Prozent der Einkommen sind kräftig gestiegen. Ein weiteres Zuwarten bei der v.a. steuerlichen Entlastung kleiner Einkommen rächt sich derzeit für Parteien der Mitte praktisch täglich. [3]

Der Sozialvertrag im engeren Sinne, der u.a. die wechselseitige Verantwortlichkeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern regelt, wird das zuvor Gesagte in Bezug auf kleine Einkommen besonders zu berücksichtigen haben. Soziale Errungenschaften wie Krankenversicherung und Pensionsvorsorge sowie berufliche Weiterbildung fallen in einer Netzwerk-Ökonomie ohne Neufassung eines Sozialvertrages ausschließlich den Freelancern zur Last, die sich von häufig geringerer Bezahlung als bisher auch noch selbst verwalten, versichern, versteuern und weiterbilden müssen – und obendrein ihre Betriebsmittel zumeist noch selbst zahlen und erhalten (das Auto des Uber Fahrers zahlt/repariert/versichert der Fahrer usw.). Sozialer Sprengstoff ist durch die enorme Größe dieser Kohorte gewissermaßen vorprogrammiert, wenn es nicht gelingt, Bezahlung und soziale Sicherheit angemessen zu regeln. Portable Abfertigung, ein Anteil an Sozialversicherung sowie eine Neufassung von Mindestlöhnen werden angedacht, kämpfen aber gegen das Faktum, dass Unternehmen nicht an Vergabe im Inland gebunden sind (Ausnahme ortsgebundene Dienstleistungen wie Zustellung etc.): Nichts spricht gegen einen Auftrag an einen Webdesigner in Bangladesh, der über eine der unzähligen Freelancer-Plattformen leicht zu finden ist, und der unter Umständen die Arbeit genau so gut macht wie ein Europäer, aber eben um ein Zehntel des Honorars. Die Konkurrenz am Arbeitsmarkt muss nicht mehr einwandern – sie dumpt den Westen viel besser von zu Hause aus, bei dort geringeren Lebenshaltungskosten.

Gleichzeitig kannibalisieren Konzerne des Westens damit aber ihre eigene Kundschaft: ins Prekariat und in Armut abrutschender Mittelstand machen keine zahlungskräftigen Konsumenten. Nachfrage und Wachstum sinken. Soweit der Befund.

Eine mögliche Lösung muss hier jedenfalls die Verhandlungsmacht der Beteiligten berücksichtigen: Die Verhandlungsmacht der Plattformunternehmen ist evident, die Verhandlungsmacht der Werktätigen ist aktuell nicht existent, was naturgemäß zu einer Übervorteilung der Arbeitskräfte führt. Gebraucht wird eine neue Organisationsform, die einerseits die Verhandlungsmacht der Werktätigen sicherstellt und andererseits die unwirtschaftliche Selbstverwaltung in den Griff bekommt. Hier bieten sich unter anderem gemeinnützige Organisationen oder auch Genossenschaften an, an denen Werktätige einen Anteil halten können und für ihre Mitgliedschaft im Gegenzug Leistungen erhalten wie bspw. die Abrechnung ihrer Abgaben, Buchhaltung, Lohnverrechnung und optional weiterer Leistungen (die anteilig für viele natürlich effizienter und günstiger erbracht werden können als von Einzelnen) sowie die Teilnahme an einer Plattform, auf der ihre Dienstleistungen und Produkte suchbar und buchbar sind, abgerechnet und bewertet werden können. Solche Konstruktionen können sowohl genossenschaftlich als auch non-profit organisiert werden, mit Mitgliedsbeiträgen für unterschiedliche Leistungen der Plattform, oder auch nur mit einer geringen Kommission für die Nutzung der Services. Derartige Plattformen bzw. Genossenschaften müssten auf gemeinschaftlichen Standards z.B. bezüglich der Bezahlungs- und Sozialstandards beruhen. Solche Qualitätsplattformen würden als Cooperative Economy ein Gegengewicht zum verbreiteten Lohn- und Sozialdumping der so genannten Sharing Economy bilden und zwar sowohl in der Verhandlungsmacht als auch für Effizienzsteigerung durch zentral freilich effizienter und dadurch günstiger zu erbringende Administration. Solche Organisationsformen würden sich für eine Unterstützung durch die öffentliche Hand anbieten. Die Stadt Wien ist im genossenschaftlichen Organisieren leistbaren Wohnens bereits Vorreiterin und zeigt, dass sich dies insbesondere im Vergleich zu anderen Städten deutlich preisdämpfend für Konsumenten auswirkt. Was spricht dagegen, dieses Modell auch auf andere Bereiche anzuwenden, also z.B. gegen Lohn- und Sozialdumping? Sowohl private als auch öffentlich organisierte Genossenschaften fänden hier ein breites Betätigungsfeld. Es gibt bereits einige vielversprechende Inititativen im Umfeld der Cooperative Economy: hier liegt in der Tat eine mögliche Lösung für die bislang ungelöste Frage, wie dem Lohn- und Sozialdumping im Umfeld der Sharing Economy begegnet werden könnte. Fazit: Kräftegleichgewicht stabilisiert Systeme.

Ein Umdenken in den Staatsfinanzen wird ebenfalls nötig sein: Sowohl in einem Projekt an der Universität Harvard [4] als auch in einem viel beachteten Beitrag von Ökonomen des IWF [5] zeigt sich, dass unterfinanzierte oder mangelhaft mit Kredit ausgestattete Systeme zu höherer Volatilität und Instabilität sowie zu einem insgesamt geringen Wachstum neigen. In ihrem Beitrag machen die Autoren des IWF-Papers die langjährige Austeritätspolitik ihres eigenen Hauses mitverantwortlich für die Ära des schwachen Wachstums, in dem wir uns zweifelsohne befinden. Mariana Mazzucato hat in einem jüngsten Bloomberg-Interview auch erklärt, dass jene Staaten, die mit schuldenfinanzierten Investitionen ein höheres BIP Wachstum erreichen als der Schuldendienst kostet, auf diese Weise mittel- bis langfristig sanieren können. Heruntergesparte Einheiten würden dies nicht schaffen: sie bleiben instabil und haben langfristig zu geringes Wachstum. Fazit: Ohne Investment kein Return.

Ein Umdenken in der Steuerpolitik scheint für die Wirtschaft in der Netzwerkgesellschaft ebenfalls angezeigt. Aktuell besteuern viele Länder Kapitalerträge hervorragend gering, während Arbeit oft doppelt bis dreifach so hohe Abgabenlast trägt. Das führt dazu, dass Unternehmen zu Effizienzinnovation greifen, die Arbeit und damit Kapital freisetzt, das dann in Finanzmärkte fließt, was in den USA z.B. zu den berüchtigten Aktien-Rückkäufen führt. Kein Wunder: Allein durch das starke Ungleichgewicht in der Besteuerung rentiert sich Investition in Arbeitskraft schlichtweg nicht. Marktgenerierende Innovation, die Clayton Christensen auch immer wieder erklärt, die langfristig Rendite schafft und auch in Arbeitskraft investiert, unterbleibt, weil das Rückverdienen aus den gleichen Gründen zu lange dauert und zu wenig ertragreich bleibt. Eine Angleichung der Besteuerung von Arbeit hin zu Wertschöpfung und Kapitalerträgen wäre dringend angeraten. Erfreulicherweise haben in Bezug auf die genannten Punkte einige Länder hier kürzlich reagiert [6]Fazit: Wir steuern durch Steuern.

Teil 3: Reduktion der Regelungsdichte

sozialvertrag_cDie Sharing Economy zeigt, dass es prinzipiell mit wesentlich weniger an Regulierung auch ginge. Diese Erkenntnis ist durchaus trivial. Jedes System braucht zu seinem Funktionieren ein gewisses Maß an Regeln. Wo der Punkt zwischen den effizienzerhöhenden und schadensmindernden Wirkungen von Regeln und einer unwirtschaftlichen Bürde liegt, ist als Fragestellung freilich nicht trivial. Dennoch ist dieser Punkt anzustreben.[7]

Teil 4: Bildung in neuen Kulturtechniken

An der letzten Zeitenwende stand als sinnbildliche, frühe Innovation der beginnenden Industriege­sellschaft die Erfindung des Buchdrucks. Alle konnten plötzlich ein Buch haben. Großartig! Es war allerdings auch von Vorteil lesen zu können, um in den Genuss der Segnungen dieser Innovation zu kommen. Das ist heute nicht anders. Ein Internetanschluss wäre vergleichbar mit „Buch haben“, damit umgehen zu können bedeutet jedoch nicht, ein Jahr lang einen Facebook Account unfallfrei bedienen zu können. Programmierung, Webtechnologien und Informations- und Medienkompetenz sind heute unter anderem jene Kulturtechniken, die so selbstverständlich werden müssen wie Lesen und Schreiben, um die digitale Schere der Chancen zu schließen.

Dazu reicht es freilich nicht, Kinder und Jugendliche diesbezüglich auszubilden. Die im Erwerbsleben stehenden Erwachsenen und auch Arbeitslose sind in diese Strategien konsequent, flächendeckend (und rasch) zu inkludieren. Aktuell sehen wir, dass allein in IT Berufen (als nur eines von vielen Beispielen) deutlich über 400.000 freie Stellen in Europa vorhanden sind, die mangels kompetenter Personen am Arbeitsmarkt nicht besetzt werden können. Gleichzeitig schreitet die Freisetzung von Arbeitskräften mit zu wenigen der aktuell gefragten Kompetenzen zügig fort. Dies zu beklagen, ist wenig hilfreich. An Zeitenwenden fallen massiv „alte“ Berufe weg und viele neue entstehen. An der letzten Zeitenwende war das nicht anders. Die Liste der ausgestorbenen, historischen Berufe auf Wikipedia ist einen Blick wert. Eigentlich gut, müsste man meinen, dass schweres Material heute von Kränen und nicht mehr von Menschen gehoben wird. Der Mensch befreit sich von dumpfer und schwerer, körperlicher Arbeit.

Eine weitere Kulturtechnik, die wir brauchen werden, wenn wir in das Entrepreneur-Zeitalter gehen, ist freilich wirtschaftliche Bildung. Derzeit noch, wenn es auch gute Einzelaktionen gibt, ist eine flächendeckende Integration in die Lehrpläne noch nicht umgesetzt. Programme wie jenes der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, im Rahmen derer während eines Schuljahres Schulkinder experimentell ein Unternehmen gründen und betreiben, sind hier positiv hervorzuheben.

Als weitere Kompetenz im Netzwerkzeitalter und einer Zeit der partizipativen Demokratie ist der Sinn für Gemeinschaft etwas, das wir unseren Kindern leider konsequent abtrainieren. In einem von Prof. Hüther referierten Experiment zeigen Kleinstkinder, dass sie bereit sind, einander bei der Bewältigung von Aufgaben zu helfen. Mit sieben Jahren stehen viele Kinder im gleichen Experiment daneben und sehen ihren Altersgenossen beim Scheitern zu. Dieses Verhalten ist nicht natürlich, sondern antrainiert. Wenn wir also nun von der Industriegesellschaft, in der die Maxime „Konkurrenz belebt das Geschäft“ galt, in die Netzwerkgesellschaft mit der Maxime „Kooperation belebt das Geschäft“ gehen, betreten wir das Zeitalter kollaborativer Kultur, in der Kooperation dem Prinzip Einzelkämpfertum klar überlegen ist. Schaffen wir es nicht, konsequent einen Sinn für Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft zu trainieren und zu kultivieren, so wird das hochkomplexe Gebilde der Netzwerkgesellschaft von einer Eskalation von Partikularinteressen und von unproduktiver Konfrontation geprägt sein.

Erstürmung der Bastille; Jean-Pierre Houël. Public Domain.

Erstürmung der Bastille; J.-P. Houël. Public Domain.

Fazit

Es wäre zu wünschen, dass wir den aktuellen Zeitenübergang smarter managen als den letzten (siehe französische Revolution). Dazu brauchen wir nach Peter Drucker nicht zusätzliche Regeln, sondern – wie er sagt: „Kein Land leidet an einem Mangel von Regeln. Was wir brauchen ist ein neues Modell.“

 

© Isabella Mader. Teilen und zitieren in sozialen Netzwerken unter Angabe der Quelle gestattet.
Kapitel aus dem in Entstehung befindlichen Buch:
Ein Moment der Wahrheit: Neue Rollen für Bürger, Wirtschaft und Government in der Netzwerkgesellschaft (Arbeitstitel).
Eine weiterführende, frühere Langfassung lesen Sie hier.

Die erstmalige (auszugsweise) öffentliche Präsentation der hier formulierten Inhalte fand am 6. September 2016 im Rahmen einer Veranstaltung des Wirtschaftsforums der Führungskräfte (WdF) im Haus der Industrie statt. Eine Nachlese zur Veranstaltung finden Sie hier.

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[1] Pofelt, Elaine; Shocker: 40% of Workers Now Have ‘Contingent’ Jobs, Says U.S. Government. Forbes, 25 May 2015. [Online]: http://www.forbes.com/sites/elainepofeldt/2015/05/25/shocker-40-of-workers-now-have-contingent-jobs-says-u-s-government/

[2] World Values Surveys, Waves 5 and 6 (2005 – 14). Konsolidierte Daten aus EU-Mitgliedsstaaten. Gültige Antworten: USA 3,398; EU 25,789. Eigene Abbildung.
Vgl. Foa, Roberto S.; Mounk, Yasha: The Danger of Deconsolidation – The Democratic Disconnect. Journal of Democracy, Vol. 27, No. 3, July 2014.

[3] Mader, Isabella: Hass und Spaltung: Wie uns das Reptiliengehirn die Demokratie vermasselt. [Online]: http://www.excellence-institute.at/hass-und-spaltung-wie-uns-das-reptiliengehirn-die-demokratie-vermasselt/

[4] Aghion, Philippe et al.: Volatility and growth: Credit constraints and productivity-enhancing investment. Working paper, Department of Economics, Harvard University, 2005. [Online auf Harvard DASH:] https://dash.harvard.edu/handle/1/27769097

[5] Ostry, Jonathan ; Loungani , Prakash, Furceri, Davide: Neoliberalism: Oversold? IMF Finance & Development, Vol. 53, Nr. 2, Juni 2016. [Online]: http://www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2016/06/pdf/ostry.pdf

[6] Ip, Greg: Fiscal Policy Makes A Quiet Turn Toward Stimulus. Wall Street Journal, 14.09.2016. [Online]: http://www.wsj.com/articles/fiscal-policy-makes-a-quiet-turn-toward-stimulus-1473870699

[7] Mader, Isabella; Müller, Wolfgang (2016) Managing The Transition To An Entrepreneurial Society. Global Peter Drucker Forum Blog, 25. Mai 2016. [Online]: http://www.druckerforum.org/blog/?p=1228

Sharing Economy, selbststeuernde Netzwerke, Demokratisierung der Information, „Teilen ist das neue Besitzen“, billiges und schnelles Geld durch Crowdfunding, mehr Innovation durch Crowdsourcing … das hat man jetzt so. Nebenbei unterrichten wir im Bewusstsein der totalen Überwachung unter dem Titel Medienkompetenz letztlich konformes Verhalten. Zuletzt auch wieder häufiger gehört: „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.“ Hier drängt sich die Frage auf, ob es eine Art kollektiver Alzheimer ist, der die Erinnerung an jene Regime, die mit dieser Floskel zuletzt operierten, ausblendet? Schnitt.books

Tatsächlich befinden wir uns mitten in der Zeitenwende von der modernen Gesellschaft zur Netzwerkgesellschaft. Die Stammesgesellschaft begann mit der Erfindung der Sprache, die Antike Gesellschaft mit der Schrift, die Moderne Gesellschaft mit dem Buchdruck. Und der Wandel zur Netzwerkgesellschaft startete mit der Erfindung und globalen Verbreitung des Internets. Bei jedem Übergang veränderten sich Kommunikationsverhalten, Komplexität und Hierarchien. In allen Fällen war eine relevante Veränderung in der Verfügbarkeit von Information der Treiber der Zeitenwende.

Im Normalfall vollziehen sich solche Übergänge freilich in einigen Jahrzehnten. Zeitenwenden bedingen immer die Verschiebung der Machtverhältnisse und ein Auseinanderklaffen der Gesellschaft entlang der neuen Kulturtechniken (sozial und wirtschaftlich).

An der vorigen Zeitenwende zur modernen Gesellschaft wurde der Buchdruck erfunden. Alle konnten plötzlich ein Buch haben. Großartig! Es war zu diesem Zeitpunkt allerdings auch von Vorteil, lesen zu können, um in den Genuss der Segnungen dieser Innovation zu kommen. Schließlich, wenn auch relevant später, wurde die Schulpflicht eingeführt.

An der Zeitenwende, an der wir jetzt stehen, ist diese Kulturtechnik die Nutzung des Internets samt begleitender Technologien. Das Tückische daran ist, dass es so aussieht, als könnten alle gleichberechtigt teilnehmen. Tückisch und trügerisch, denn Medienkompetenz heißt nicht, ein Jahr unfallfrei Facebook bedienen zu können. Die Bedingungen könnten darüber hinaus ungleicher gar nicht sein. Der kleine Buchhändler gegen Amazon? Eine Million Nutzer gewinnen gegen Facebook?

Sharing Economy: ein Trojaner?

Die Grundwerte der Netzwerkgesellschaft sind Solidarität und Teilen. Die Sharing Economy bedient ein geradezu sozial(demokratisch)es Ideal. Grundsätzlich ist es freilich auch in Ordnung, wenn einer die Autos kauft, die andere verwenden, dass sich alle angemessen beteiligen. Was aber früher unter Nachbarschaftshilfe lief, heißt jetzt Airbnb und ist ein Geschäft, das Branchen mit teuren Auflagen für Betriebsanlagen, Brandschutz etc. eine Konkurrenz bringt, die diese Auflagen nicht hat und somit ungleiche Marktverhältnisse herstellt.

Ist es immer noch so romantisch, wenn die Finanzierungskosten bei Crowdfunding gleich einmal mit 9 bis 15 Prozent zu Buche schlagen (Studie der AK), während sich Konzerne Millionen zu kaum relevanten Zinsen leihen? Crowdfunding ist ein gutes Geschäft für Wirtschaftstreuhänder und Rechtsanwalts­kanzleien. Die hohen Finanzierungskosten treffen jedoch gerade jene Startups, auf die wir für die Belebung der Wirtschaft hoffen – aber zu deren sehr groben Benachteiligung hier die Lasten verteilt sind. Diese Hoffnung kann sich in der derzeitigen Situation also kaum erfüllen. Soweit zu CrowdFUNDING oder Crowdfinanzierung.

Zu CrowdSOURCING, also dem Ziehen von innovativen Ideen aus der Öffentlichkeit, stellt sich nur eine einzige provokante Frage: Ist es das neue Lohndumping? „Kündigt doch die Leute in F&E, die da draußen machen’s gratis oder einer von 500 gewinnt ein Jahresabo“ – ließe sich provokant formulieren.

Auch bei der unter dem Titel „Demokratisierung der Information“ propagierten Informationsfreiheit dürfen wir uns fragen, wer freigegebene Open Government Daten wirklich nutzen kann. Mit für Individuen oder KMU unerschwinglich teurer Software ist Konzernen im Informationsgeschäft das Rückrechnen anonymisierter Daten bereits nach wenigen Tagen geglückt. Von Demokratisierung der Information (und gesicherter Anonymität) kann also keine Rede sein.

Im Stile der Sendung mit der Maus könnte man sagen: Sieht romantisch aus, ist es aber nicht.

Instabilität und Vertrauensverlust

So gut wie alles in der Gesellschaft verändert sich an einer Zeitenwende: Arbeit, Geschäftsmodelle, Werte. Besonders augenfällig an Zeitenwenden ist, dass gleich eine ganze Reihe von Berufen verschwindet, und zwar deutlich mehr als zu „normalen“ Zeiten. Es entstehen aber auch eine ganze Reihe mehr Berufe als zu „normalen“ Zeiten. Dennoch verbreitet sich vorerst ein Gefühl der Angst in der Gesellschaft. Seit Mitte der 1960er Jahre prangt der „Jobkiller Automation“ auf Titelblättern. Als beobachtbares Ergebnis entstehen daher ein Gefühl der Instabilität und Vertrauensverlust gegenüber Führungskräften in Unternehmen und Politik, die ja für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft zuständig scheinen. Gleichzeitig fehlen allein in Europa bereits über 400.000 IT-MitarbeiterInnen. Leider haben wir aber nicht genügend Studienplätze. Das Interesse wäre ja da, aber wir schicken die Leute weg.

In Übergangszeiten zwischen Gesellschaftsformen funktionieren die bisherigen Konzepte nicht mehr. Das erodiert Vertrauen. Wie könnten diese Netzwerkgesellschaft-kompatiblen Konzepte nun also aussehen?

  1. Miteinander ist das neue Gegeneinander

Bisher galt die Devise: “Konkurrenz belebt das Geschäft”. In der Netzwerkgesellschaft gilt: „Miteinander belebt das Geschäft.“ Wie in zahlreichen Studien, allen voran durch Alexander Pentland (M.I.T.) aufgezeigt, sind jene Berufsgruppen, Unternehmen oder Städte wirtschaftlich wesentlich erfolgreicher, in denen mehr Kommunikation und Wissenstausch stattfinden kann. Das gilt für Callcenter Agents genauso wie für Börsenmakler und ganze Städte und Regionen. Je mehr Interaktion, Durchmischung, Interkulturalität und Interdisziplinarität, desto mehr Innovation, Wertschöpfung und Wohlstand. Kooperation ist daher der Imperativ in der Netzwerkgesellschaft. Schlechte Nachrichten für die „Grenzen-dicht“-Fraktion.

  1. Beteiligungskultur lernen

Unsere aktuelle Kultur ist geprägt von der Einstellung, dass „die da oben doch ohnedies machen, was sie wollen“. Beteiligung heißt für viele heute noch, zu einer Versammlung zu gehen, eine Schimpftirade loszulassen, ein Paper mit Anschuldigungen auf den Tisch zu knallen und wieder zu gehen. Im besten Fall, ohne die Tür beim Hinausgehen aus den Angeln zu schlagen. Bewegt wird so freilich nichts. Beteiligungskultur hatten wir nie, können wir nicht. Ist also zu lernen. Sie entsteht allerdings nicht auf Zuruf über ein Mailing, sondern so:

  1. Legitimation heute: Beteiligung funktioniert nur auf Gegenseitigkeit

Macht wird zunehmend weniger in Wahlen oder durch Stellenbesetzung im Management gewonnen. Legitimation wird durch Beteiligung generiert – und zwar nicht nur dadurch, dass sich die Bevölkerung an Vorgängen und Problemlösungen beteiligen kann, sondern auch dadurch, dass Management oder Politik sich am Leben der Menschen beteiligen und Probleme gemeinsam angegangen werden. Management oder Government müssen im Sinne des bisher Gesagten also weniger versprechen, und können dafür mehr um Beteiligung bitten, wenn die Beteiligung auf Gegenseitigkeit beruht. Veränderung kann auf diese Weise gemeinsam gestaltet statt oktroyiert werden. Aber vor allem gilt: Wir werden mehr mit einander reden müssen. Wenn wir uns nämlich ansehen, welche öffentlichen oder unternehmensinternen Projekte wirklich Begeisterung und Beteiligung generieren, dann sind es nicht die, bei denen wir eine Datenbank hingestellt und eine Aussendung gemacht haben. Es sind die, in denen mit gegenseitigem Interesse geredet wurde.

Isabella Mader