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Direkte Demokratie und Partizipation sind in aller Munde, gleichzeitig taumelt eine etablierte westliche Demokratie damit geradezu demonstrativ in eine selbstgemachte Krise und Spaltung: Das Brexit Referendum offenbart in idealtypischer Weise, dass unsere Gesellschaft und ihre Institutionen für eine Partizipationskultur nicht reif sind. Das Phänomen Trump in den USA, das rasante Anwachsen der extrem rechten Wählerschichten in vielen Ländern Europas sowie dem Hass im Netz wurde in jüngster Zeit viel Diskussion gewidmet. Interdisziplinäre Forschung zeigt nun Gründe und Auswege auf.

In der beginnenden Netzwerkgesellschaft erwarten Bürgerinnen und Bürger stärkere Beteiligung an Entscheidungsprozessen. Es zeigt sich jedoch gerade in der jüngeren Zeit, dass der öffentliche Diskurs in vielen Ländern zu einer Spaltung geführt hat. Zwei Lager mit diametral gegensätzlichen Meinungen stehen einander unversöhnlich gegenüber. Wähler in der Folge als dumm, ungebildet, allen Ernstes auch als zu alt (wie im aktuellen Brexit Beispiel) oder im freundlichsten Fall als „Globalisierungsverlierer“ zu brandmarken ist so wenig zielführend wie generell zutreffend. Ressentiments nehmen dadurch nur noch zu. Letztlich wird auf diese Weise Demokratie indirekt in Frage gestellt, ohne dass die dahinterliegenden Probleme damit gelöst würden.

Wenn auch teilweise nachweislich mit unlauteren Methoden erreicht, mögen Proteststimmen vielleicht kurzfristig Genugtuung bringen, gleichzeitig stehen Länder danach mit den Scherben da und man hat unter Umständen das Gegenteil dessen erreicht, was beabsichtigt wurde.

Viele Bürgerinnen und Bürger haben in letzter Zeit auch den Weg gewählt, dem Hass entgegen zu treten, oder auch Anzeigen zu erstatten, oder aber geduldig in Gespräche einzutreten und Falschinformation aufzuzeigen … nur um festzustellen, dass in allen populistischen, reaktionären und extremistischen Lagern eine Faktenresistenz besteht, die jede Diskussion ergebnislos zermürbt. Es wird nichts erreicht, nichts bewegt.

Was läuft also falsch?

Um zu verstehen, welche Mechanismen uns hier in die Quere kommen, liefern mehrere Disziplinen Erklärungen und Hilfe.

  1. Basic Instincts: Die Neurowissenschaften ertappen uns in flagranti

Der Mensch erreicht langfristig die höchste Zufriedenheit mit Entscheidungen und vermeidet unerwünschte Nebeneffekte, wenn er besonnen und kooperativ agiert statt impulsiv-reaktiv. Dazu müssen wir wissen, dass wir verschiedene Gehirnregionen und damit Arten zu entscheiden haben, die ganz unterschiedliche Ergebnisse bringen. In Situationen gefühlter Bedrohung oder Angst übernimmt unser so genanntes Reptiliengehirn (der evolutionsgeschichtlich älteste Teil unseres Gehirns) und entscheidet impulsiv entweder auf Kampf oder Flucht, während das moderne, rational denkende Gehirn blockiert wird. Hier liegt auch die Erklärung für den Hass im Netz, für den Erfolg einer Brexit Kampagne oder von Donald Trump. Das Reptiliengehirn kennt im Kampf nur Sieg oder Unterwerfung: es wird daher gekämpft bzw. diskutiert, bis der andere einlenkt, mit allen Mitteln – und das leider auf dem Niveau des Reptiliengehirns. Dieses ist auch dafür verantwortlich, dass Menschen in Situationen gefühlter (nicht notwendigerweise wirklich real vorhandener!) Bedrohung eine völlige Faktenresistenz zeigen, die mit keinen Beweisen, mit keiner Argumentation zu erschüttern ist: Das Reptiliengehirn kann nämlich nicht rechnen und es merkt sich nichts. Deshalb wiederholt es auch Verhaltensweisen, die früher scheiterten. Es kennt nur angreifen, fliehen oder erstarren – und außerdem noch essen, Sicherheitsgefühl und Sex. Das ist alles. Für Tiere in freier Wildbahn oder für die Reptilien, von denen wir diesen Gehirnstamm haben, ist dies durchaus ausreichend. Für Menschen, die komplexe Gesellschaften erhalten wollen, ist eine Reduktion auf diese letztlich primitiven Instinkte fatal: Krieg, Kontrollverlust, Chaos, Gewalt, Zerstörung. Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation ist der Überwindung dieser primitiven Instinkte geschuldet, und ein Set anderer Fähigkeiten hat sich bewährt. Dazu gehören kooperative, strategische Entscheidungsfindung und planvolle, besonnene Vorgehensweisen. Diese sind im sogenannten Neokortex beheimatet, dem modernen Gehirn des Menschen, der uns vom Reptil unterscheidet. Wie können wir also vermeiden, in die Angst-Klemme zu kommen und deshalb zu reagieren wie ein verletztes Tier – und uns damit den Weg zu besseren Entscheidungen abzuschneiden? Letztlich ist das eine Frage von Training, sich hierbei selbst auf die Schliche zu kommen. Und wie kann die Politik verhindern, dass große Teile der Bevölkerung in eine solche Angst-Falle tappen, die in westlichen Zivilisationen schon allein deswegen unangemessen ist, weil unmittelbar lebensbedrohliche, reale Gefahrenlevel in den Leben der meisten Menschen im Westen nachweislich kaum jemals bestehen? Wie verhindern, wenn Teile der Politik intensiv damit beschäftigt sind, genau diese Angst künstlich zu generieren?

 

  1. „It’s the Economy, stupid“: Mehrjähriger Reallohnverlust rächt sich

Empfundener und faktischer Verlust an finanzieller Sicherheit oder an Wohlstand macht anfällig für Angst – und damit für die oben beschriebenen Phänomene von blindem Hass und Kampf. In einer Serie von ersten Tests langjähriger Vergleiche zeigte sich, dass die Menschen Reallohnverluste möglicherweise erst mit einer Verzögerung von ein paar Jahren wirklich zu spüren scheinen – denn erst dann bricht der private Konsum entsprechend den Reallohnverlusten ein und mit ähnlicher Verzögerung einiger Jahre erzielen dann reaktionäre, zumeist weit rechts stehende, populistische Kräfte deutliche Zugewinne bei Wahlen, während die politische Mitte massive Verluste hinnehmen muss (Beispiele sind hier Deutschland, Großbritannien, Österreich, aktuell auch USA mit Trump). Reallöhne werden jedoch freilich nicht der einzige Indikator sein. In Frankreich zeigt statt der Reallöhne die Entwicklung der Arbeitslosigkeit den gleichen Effekt. In jenen Ländern im Vergleichstest, die konstante, wenn auch moderate Aufwärtsentwicklung bei den Reallöhnen vorweisen können, tritt die beschriebene Polarisierung im Wahlverhalten bzw. das Einbrechen der politischen Mitte nicht auf diese Weise ein (Beispiel: Kanada). An sich ohnehin naheliegend: Abgesicherte Kaufkraft dürfte immun machen vor irrationalen Ängsten. Vielleicht ist dies auch ein Grund, weshalb zu beobachten ist, dass in Österreich beispielsweise die FPÖ mit hoher Konsequenz gegen Sozialgesetzgebung stimmt, die untere Einkommensschichten stärken soll[1]. Aus der Logik heraus, dass finanziell abgesicherte Menschen schwer zu radikalisieren sind, scheint eine solche Strategie durchaus nachvollziehbar (sofern dies mit Absicht und nicht zufällig geschieht).

In Österreich liegt der Index der realen, monatlichen Nettolöhne derzeit 1,5 Prozent unter dem Wert des Jahres 2000. Die monatlichen, realen Bruttolöhne pro ArbeitnehmerIn sind im gleichen Zeitraum bescheiden gestiegen: die Arbeitgeber zahlen also mehr, während weniger davon bei den Arbeitenden ankommt.

Reallohnindex Österreichh 2000-2015

 

In Deutschland lagen die Reallöhne durchgehend von 2000 bis zum Jahr 2013 deutlich unter dem Ausgangswert des Jahres 2000. Erst seit 2014 liegen sie wieder über dem Wert des Jahres 2000. Phänomene wie der Aufstieg der FPÖ in Österreich mit derzeitigen Umfragewerten um die 30 Prozent und AfD-Wahlergebnisse mit bis zu 24 Prozent in manchen Bundesländern scheinen im Lichte dieser Betrachtung durchaus folgerichtig: Angst wählt extrem und irrational.

In Großbritannien lagen die Reallöhne 2015 auf dem Wert von 2004 – nach einer ununterbrochenen Talfahrt seit 2009. Das Brexit-Votum wäre demgemäß weniger überraschend als vielmehr konsequent und erwartbar.

Reallohnentwicklung USA seit 1979

In den USA sind die Reallöhne der unteren Einkommensgruppe im hier zugrundeliegenden Beobachtungszeitraum seit 1979 (!) völlig unverändert (1979: $ 383/Woche; 2014: $ 379/Woche), während die oberen Reallöhne von $ 1.422/Woche im Jahr 1979 auf $ 1.898/Woche im Jahr 2014 stiegen.[2] Die in der Tat beachtliche Performanz der Regierung Obama hat mit einem Dow Jones zu Beginn der Amtsperiode um die 6.600 Punkte und heute von über 17.000 Punkten, von einer mehr als halbierten Arbeitslosenrate seit Amtsantritt (von 10% auf unter 5%), einem deutlich gesteigerten Bruttonationaleinkommen und weiteren herzeigbaren, sehr positiven Kennzahlen im Vergleich zur Legislaturperiode von G.W. Bush einen – allerdings relevanten – Schwachpunkt, den Obama mit einer ganzen Reihe seiner Vorgänger teilt: die Entwicklung der unteren und mittleren Reallöhne. Die „schönsten“ Kennzahlen nützen nichts, wenn sie nicht in den Geldbörsen der Mittelschicht und der unteren Einkommensgruppen ankommen. Nachdem jedoch die mittleren und unteren Einkommensgruppen den Großteil der Bevölkerung jedes Landes ausmachen, verwundern die Erfolge von Trump auch hier nicht.

Kanada hat beispielsweise lt. International Labour Organization (ILO) zwischen 2007 und 2013 die Reallöhne der Kanadier gleich um ganze 5 Prozentpunkte angehoben. Kanada ist in den aktuell in diesem Projekt verfügbaren Datensätzen allerdings der einzige derartige Lichtblick.

Man könnte auch titeln: Die längerfristige Schwächung der Reallöhne rächt sich für Mitte-Parteien am Wahltag.[3][4]

 

  1. „It’s the Communication, stupid“: Viele Probleme der Politik sind Kommunikationsversagen

Öffentliche Kommunikation gerät zu Gehirnwäsche, wenn über längere Zeit mit nationalen Sparbudgets und dem Kürzen von Sozialleistungen „Wir haben kein Geld“ suggeriert wird. Irgendwann glauben die Menschen das dann, auch wenn ihr Gehaltskonto dies möglicherweise (noch) gar nicht anzeigt.

Heute, wo jeder Einzelne x-beliebige Inhalte ins Web stellen und wie Nachrichten aussehen lassen kann, ist spätestens der Zeitpunkt, an dem es sich lohnen könnte, über Informationskompetenz in der Gesellschaft, und wie diese zu bilden wäre, nachzudenken.

Medien sind dennoch in der Pflicht: Wahlergebnisse werden nicht unwesentlich von deren Stil beeinflusst und in manchen Fällen ist nicht klar, ob manche Medien nicht bereits mehr Politik als Nachrichten machen. Typischerweise fällt daher auch die schreierische, reißerische Aufmachung von Boulevard-Medien unter den oben beschriebenen Typ der Kommunikation für das Reptiliengehirn. Selbiges versucht auch, durchaus intelligent zu klingen – während dennoch allzu häufig Daten schlechter Qualität oder überhaupt Falschinformation verwendet werden. Interessanterweise entschuldigt auch eine Wählerschaft, die erfolgreich auf ihr Reptiliengehirn-Glatteis geführt wurde, alle nachgewiesenen Unwahrheiten bis hin zu offener Korruption, solange sie dem Ziel der totalen Vernichtung eines vorgeblichen Feindes dienen. Das erklärt auch, weshalb erbitterte Brexit-Befürworter gar nichts dabei finden, dass Politiker wie Nigel Farage Stunden nach dem Ergebnis des Referendums bereits ihre Zusagen zurücknehmen und mangels Konzept schließlich sogar zurücktreten – weil sie selbst im Reptiliengehirn-Modus agierten und die Konsequenzen ihrer Forderungen weder abschätzen konnten noch ein Programm dafür hatten.

Was für einzelne Politiker gilt, gilt auch für die Kommunikations- und Beteiligungskultur von Wirtschaftsräumen, z.B. der Europäischen Union. Diese möchte sich im Lichte der aktuellen Ereignisse gerne als Sieger darstellen und den Briten eine Lehre erteilen. Leider sind jedoch viele der aktuellen Entwicklungen in Europa von der EU-Politik selbst mit ausgelöst worden, allen voran durch Austeritätsprogramme, die in vielen Ländern zu den beschriebenen Reallohnverlusten führten, ohne jedoch nachhaltig Strukturreformen anzugehen. In einem beachtenswerten aktuellen Artikel „Neoliberalism: Oversold?“ stellen WF Ökonomen bereits ihre eigene, jahrelange IWF-Austeritätslinie in Frage.[5]

Aus den genannten Gründen sind weder nationale Regierungen noch die Europäische Union aus der Pflicht in Bezug auf ihre Kommunikation und ihre Vorgehensweisen. In Zeiten hoher Transparenz sind zerstrittene Koalitionsregierungen, die durch gegenseitige Blockade jahrelang keine nennenswerten Vorhaben auf den Boden bringen genauso eine Gefahr für sie selbst wie eine Europäische Union, die allen Ernstes Abkommen wie TTIP mit weitreichenden Konsequenzen für den gesamten Wirtschaftsraum unter Geheimhaltung in „Leseräumen“ für Abgeordnete zur Verfügung stellt oder CETA ohne Einbindung der nationalen Regierungen beschließen will. Co-Kreation, Beteiligungskultur und gut informierte (!) und bezahlte Bürgerinnen und Bürger scheinen die Minimalanforderung in einer Netzwerkgesellschaft zu sein.

Die letzte Zeitenwende brachte nicht nur die Disruption der Handwerker und Bauern durch die Industrie. Sie brachte auch die Disruption der Monarchien durch Demokratien. Die aktuelle Zeitenwende löst die Silo-Systeme der Industriegesellschaft in der Wirtschaft und auch in den Regierungen ab und ersetzt sie durch flache Netzwerkstrukturen. Legitimation wird dabei sowohl im Management als auch in der Politik nicht mehr durch das Amt generiert, sondern durch Bürgerinnen und Bürger, die von ihnen mitgestaltete Programme schließlich auch mittragen. Alle Beteiligten wären deshalb gut beraten, für diese neue Epoche gemeinsam (!) einen Weg zu finden, wie wir mit Information und gemeinsamen Entscheidungen in Zukunft umgehen wollen.

Fazit

Solange ganze Gesellschaften unbewusst im Reptilien-Modus operieren, wird sich die aktuelle krisenhafte Entwicklung weiter verschärfen. Die Lösungen liegen aber möglicherweise deutlich näher als sie aktuell erscheinen, sie erfordern letztlich nur eine bewusste Entscheidung: Der Weg vom Reptiliengehirn zum Neokortex ist nämlich in der Tat recht kurz:

Staaten und Staatengemeinschaften werden in Zeiten hoher Transparenz und Komplexität nur mit einem Werteset Bestand haben, bei dem Gemeinsamkeit und Wohlstand bei so gut wie allen Menschen auch ankommen und eben nicht nur bei einigen. Es wäre schade, wenn gerade ein Friedensprojekt wie die EU an einer solchen Grundsatzfrage der Netzwerkgesellschaft, nämlich durchgehaltener Kooperation, Co-Kreation und „Sharing“ auf allen Ebenen zerbrechen würde. Schließlich tragen die USA, Großbritannien oder eben auch die EU sinnbildlich die Gemeinsamkeit mit „United“ bzw. „Union“ schon im Namen und wären damit idealtypische Vorreiter einer neu definierten „Demokratie 4.0“.

Isabella Mader, MSc
1. August 2016

Ergänzung vom 21.09.2016:
Nach Erscheinen dieses Artikels gibt es nun Erfreuliches zu berichten: Nach vielen Jahren der Stagnation bzw. dem Sinken von Reallöhnen haben nun eine ganze Reihe von Staaten Verbesserungen für kleine und mittlere Einkommen angekündigt, zuletzt Finanzminister Schäuble für Deutschland Anfang September 2016.
Den Bericht dazu gibt es hier nachzulesen, er verweist erstmals auch auf die Beweggründe, die im Umfeld populistischer Wahlerfolge liegen. 
Ip, Greg: Fiscal Policy Makes A Quiet Turn Toward Stimulus. Wall Street Journal, 14.09.2016. [Online]: http://www.wsj.com/articles/fiscal-policy-makes-a-quiet-turn-toward-stimulus-1473870699

 

Hinweis:
Bei den publizierten Inhalten handelt es sich um erste Ergebnisse eines laufenden Forschungsprojektes. Weitere Ergebnisse werden nach Verfügbarkeit publiziert. 
Gerne stehen wir für Rückfragen unter info [@] excellence-institute.at zur Verfügung.

Erklärung zur Grafik Reallöhne USA:
90th, 75th, etc. bezeichnen so genannte „Percentiles“, mit denen die jeweiligen Einkommensgruppen in den USA unterschieden werden.

[1] Siehe Recherche von A. Hirschal: https://www.facebook.com/adi.hirschal/posts/1053528918011079

[2] Economic Policy Institute: The Federal Minimum Wage Has Been Eroded By Decades Of Inaction. [Online]: http://www.epi.org/publication/the-federal-minimum-wage-has-been-eroded-by-decades-of-inaction/

[3] Es geht auch anders: Eines von vielen Beispielen ist Minnesota http://www.huffingtonpost.com/entry/mark-dayton-minnesota-economy_b_6737786

[4] Interview mit Mariana Mazzucato zu „Dangers of austerity craziness“; Financial Times on.ft.com/1Pc7Zlj

[4] http://www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2016/06/pdf/ostry.pdf

Sharing Economy, selbststeuernde Netzwerke, Demokratisierung der Information, „Teilen ist das neue Besitzen“, billiges und schnelles Geld durch Crowdfunding, mehr Innovation durch Crowdsourcing … das hat man jetzt so. Nebenbei unterrichten wir im Bewusstsein der totalen Überwachung unter dem Titel Medienkompetenz letztlich konformes Verhalten. Zuletzt auch wieder häufiger gehört: „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.“ Hier drängt sich die Frage auf, ob es eine Art kollektiver Alzheimer ist, der die Erinnerung an jene Regime, die mit dieser Floskel zuletzt operierten, ausblendet? Schnitt.books

Tatsächlich befinden wir uns mitten in der Zeitenwende von der modernen Gesellschaft zur Netzwerkgesellschaft. Die Stammesgesellschaft begann mit der Erfindung der Sprache, die Antike Gesellschaft mit der Schrift, die Moderne Gesellschaft mit dem Buchdruck. Und der Wandel zur Netzwerkgesellschaft startete mit der Erfindung und globalen Verbreitung des Internets. Bei jedem Übergang veränderten sich Kommunikationsverhalten, Komplexität und Hierarchien. In allen Fällen war eine relevante Veränderung in der Verfügbarkeit von Information der Treiber der Zeitenwende.

Im Normalfall vollziehen sich solche Übergänge freilich in einigen Jahrzehnten. Zeitenwenden bedingen immer die Verschiebung der Machtverhältnisse und ein Auseinanderklaffen der Gesellschaft entlang der neuen Kulturtechniken (sozial und wirtschaftlich).

An der vorigen Zeitenwende zur modernen Gesellschaft wurde der Buchdruck erfunden. Alle konnten plötzlich ein Buch haben. Großartig! Es war zu diesem Zeitpunkt allerdings auch von Vorteil, lesen zu können, um in den Genuss der Segnungen dieser Innovation zu kommen. Schließlich, wenn auch relevant später, wurde die Schulpflicht eingeführt.

An der Zeitenwende, an der wir jetzt stehen, ist diese Kulturtechnik die Nutzung des Internets samt begleitender Technologien. Das Tückische daran ist, dass es so aussieht, als könnten alle gleichberechtigt teilnehmen. Tückisch und trügerisch, denn Medienkompetenz heißt nicht, ein Jahr unfallfrei Facebook bedienen zu können. Die Bedingungen könnten darüber hinaus ungleicher gar nicht sein. Der kleine Buchhändler gegen Amazon? Eine Million Nutzer gewinnen gegen Facebook?

Sharing Economy: ein Trojaner?

Die Grundwerte der Netzwerkgesellschaft sind Solidarität und Teilen. Die Sharing Economy bedient ein geradezu sozial(demokratisch)es Ideal. Grundsätzlich ist es freilich auch in Ordnung, wenn einer die Autos kauft, die andere verwenden, dass sich alle angemessen beteiligen. Was aber früher unter Nachbarschaftshilfe lief, heißt jetzt Airbnb und ist ein Geschäft, das Branchen mit teuren Auflagen für Betriebsanlagen, Brandschutz etc. eine Konkurrenz bringt, die diese Auflagen nicht hat und somit ungleiche Marktverhältnisse herstellt.

Ist es immer noch so romantisch, wenn die Finanzierungskosten bei Crowdfunding gleich einmal mit 9 bis 15 Prozent zu Buche schlagen (Studie der AK), während sich Konzerne Millionen zu kaum relevanten Zinsen leihen? Crowdfunding ist ein gutes Geschäft für Wirtschaftstreuhänder und Rechtsanwalts­kanzleien. Die hohen Finanzierungskosten treffen jedoch gerade jene Startups, auf die wir für die Belebung der Wirtschaft hoffen – aber zu deren sehr groben Benachteiligung hier die Lasten verteilt sind. Diese Hoffnung kann sich in der derzeitigen Situation also kaum erfüllen. Soweit zu CrowdFUNDING oder Crowdfinanzierung.

Zu CrowdSOURCING, also dem Ziehen von innovativen Ideen aus der Öffentlichkeit, stellt sich nur eine einzige provokante Frage: Ist es das neue Lohndumping? „Kündigt doch die Leute in F&E, die da draußen machen’s gratis oder einer von 500 gewinnt ein Jahresabo“ – ließe sich provokant formulieren.

Auch bei der unter dem Titel „Demokratisierung der Information“ propagierten Informationsfreiheit dürfen wir uns fragen, wer freigegebene Open Government Daten wirklich nutzen kann. Mit für Individuen oder KMU unerschwinglich teurer Software ist Konzernen im Informationsgeschäft das Rückrechnen anonymisierter Daten bereits nach wenigen Tagen geglückt. Von Demokratisierung der Information (und gesicherter Anonymität) kann also keine Rede sein.

Im Stile der Sendung mit der Maus könnte man sagen: Sieht romantisch aus, ist es aber nicht.

Instabilität und Vertrauensverlust

So gut wie alles in der Gesellschaft verändert sich an einer Zeitenwende: Arbeit, Geschäftsmodelle, Werte. Besonders augenfällig an Zeitenwenden ist, dass gleich eine ganze Reihe von Berufen verschwindet, und zwar deutlich mehr als zu „normalen“ Zeiten. Es entstehen aber auch eine ganze Reihe mehr Berufe als zu „normalen“ Zeiten. Dennoch verbreitet sich vorerst ein Gefühl der Angst in der Gesellschaft. Seit Mitte der 1960er Jahre prangt der „Jobkiller Automation“ auf Titelblättern. Als beobachtbares Ergebnis entstehen daher ein Gefühl der Instabilität und Vertrauensverlust gegenüber Führungskräften in Unternehmen und Politik, die ja für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft zuständig scheinen. Gleichzeitig fehlen allein in Europa bereits über 400.000 IT-MitarbeiterInnen. Leider haben wir aber nicht genügend Studienplätze. Das Interesse wäre ja da, aber wir schicken die Leute weg.

In Übergangszeiten zwischen Gesellschaftsformen funktionieren die bisherigen Konzepte nicht mehr. Das erodiert Vertrauen. Wie könnten diese Netzwerkgesellschaft-kompatiblen Konzepte nun also aussehen?

  1. Miteinander ist das neue Gegeneinander

Bisher galt die Devise: “Konkurrenz belebt das Geschäft”. In der Netzwerkgesellschaft gilt: „Miteinander belebt das Geschäft.“ Wie in zahlreichen Studien, allen voran durch Alexander Pentland (M.I.T.) aufgezeigt, sind jene Berufsgruppen, Unternehmen oder Städte wirtschaftlich wesentlich erfolgreicher, in denen mehr Kommunikation und Wissenstausch stattfinden kann. Das gilt für Callcenter Agents genauso wie für Börsenmakler und ganze Städte und Regionen. Je mehr Interaktion, Durchmischung, Interkulturalität und Interdisziplinarität, desto mehr Innovation, Wertschöpfung und Wohlstand. Kooperation ist daher der Imperativ in der Netzwerkgesellschaft. Schlechte Nachrichten für die „Grenzen-dicht“-Fraktion.

  1. Beteiligungskultur lernen

Unsere aktuelle Kultur ist geprägt von der Einstellung, dass „die da oben doch ohnedies machen, was sie wollen“. Beteiligung heißt für viele heute noch, zu einer Versammlung zu gehen, eine Schimpftirade loszulassen, ein Paper mit Anschuldigungen auf den Tisch zu knallen und wieder zu gehen. Im besten Fall, ohne die Tür beim Hinausgehen aus den Angeln zu schlagen. Bewegt wird so freilich nichts. Beteiligungskultur hatten wir nie, können wir nicht. Ist also zu lernen. Sie entsteht allerdings nicht auf Zuruf über ein Mailing, sondern so:

  1. Legitimation heute: Beteiligung funktioniert nur auf Gegenseitigkeit

Macht wird zunehmend weniger in Wahlen oder durch Stellenbesetzung im Management gewonnen. Legitimation wird durch Beteiligung generiert – und zwar nicht nur dadurch, dass sich die Bevölkerung an Vorgängen und Problemlösungen beteiligen kann, sondern auch dadurch, dass Management oder Politik sich am Leben der Menschen beteiligen und Probleme gemeinsam angegangen werden. Management oder Government müssen im Sinne des bisher Gesagten also weniger versprechen, und können dafür mehr um Beteiligung bitten, wenn die Beteiligung auf Gegenseitigkeit beruht. Veränderung kann auf diese Weise gemeinsam gestaltet statt oktroyiert werden. Aber vor allem gilt: Wir werden mehr mit einander reden müssen. Wenn wir uns nämlich ansehen, welche öffentlichen oder unternehmensinternen Projekte wirklich Begeisterung und Beteiligung generieren, dann sind es nicht die, bei denen wir eine Datenbank hingestellt und eine Aussendung gemacht haben. Es sind die, in denen mit gegenseitigem Interesse geredet wurde.

Isabella Mader